Sechs Wochen des Jahres 2026 sind nun vergangen und bestimmt hast auch du dir neue Ziele gesetzt, Pläne geschmiedet und damit begonnen, sie umzusetzen.
Wir alle wissen, dass Vorsätze und persönliche Weiterentwicklung wichtige Bausteine unserer Selbstführung sind – doch wie geht es uns, wenn wir uns zu viel vornehmen und die gesunde Balance aus den Augen verlieren? Wenn wir neben all dem zielorientierten Tun das entspannte Sein vergessen und es uns immer schwerer fällt, abzuschalten?
Bereits letztes Jahr habe ich diesen Gedanken aufgegriffen und in meinem Beitrag: „Die Kunst der Balance – zwischen Selbstwirksamkeit und Selbstoptimierung“ beleuchtet.
Heute möchte ich diesen Aspekt noch weiter vertiefen und einen genaueren Blick auf die Muße werfen – die Kunst, mit innerer Weite präsent zu sein, Gedanken wie Handlungen ohne Druck entstehen zu lassen und eine andere Qualität von Zeit zu erleben.
Warum Muße im Alltag so schwerfällt
Je voller unsere Tage sind, je mehr wir wollen und je mehr wir sollen, desto schwieriger fällt es vielen von uns, Momente der Muße zu finden und uns diese bewusst zu gönnen. Zeiten der Entschleunigung, des Genießens oder des Tagträumens – sei es in Form von „reiner" Muße oder auch Tätigkeiten ohne Leistungsdruck – erscheinen uns schnell nutzlos oder ineffektiv.
Statt dessen legen wir eher den Fokus darauf, was wir am Ende des Tages alles geschafft haben: welche Aufgaben wir erledigt, welche Termine wir wahrgenommen oder was wir alles geleistet haben.
Im Zeitalter der Selbstoptimierung haben Muße und Entschleunigung einen schweren Stand. Vorrang haben oft - sowohl im beruflichen wie auch im privaten Kontext - die produktiv genutzte Zeit, klare Ziele und Geschwindigkeit.
Wenn du es dennoch schaffst, Momente der Muße zuzulassen oder gezielt dafür zu sorgen, hast du bestimmt auch schon erlebt, wie wohltuend diese Zeiten. sind. Und nicht nur das - sie sind zentral für deine mentale Gesundheit, deine Lebenszufriedenheit und deine Kreativität.
Muße verstehen, einordnen und konkret leben
Umso mehr widme ich diesen Beitrag der Muße: der Frage, wie sie einzuordnen ist und was sie im Kern ausmacht, welche Bedeutung ihr historisch zukommt, was sie neurobiologisch bewirkt und wie sie unsere mentale Gesundheit beeinflusst. Es geht darum, wie Muße uns helfen kann, aus dem Hamsterrad auszusteigen, den Funktionsmodus zu verlassen und wieder in Kontakt mit uns selbst zu kommen – und darum, was wir konkret tun können, um ihr mehr Raum zu geben. Nicht zuletzt auch darum, wie wir Muße gezielt in und mit der Natur üben können.
Was Muße eigentlich ist
Ich möchte Muße mit den Worten Ulrich Schnabels - dem Autor des Buchs „Muße. Vom Glück des Nichtstuns“ sinngemäß zitieren. Er beschreibt Muße nicht als Freizeit oder Erholung, sondern als einen inneren Zustand zweckfreier Wachheit. Es ist ein Moment der Präsenz und Offenheit, in dem wir nicht getrieben sind, sondern mit Ruhe und Aufmerksamkeit bei dem sind, was wir tun oder lassen. Auch wenn ein Ziel vorhanden ist, bleibt es leicht und nicht dominierend.
Ein Zustand von Muße kann sich dann entwickeln, wenn wir den Leistungs- und Optimierungsmodus verlassen und erlauben, für einen Moment nichts erreichen, nichts verbessern und nichts rechtfertigen zu müssen. In diesen Phasen arbeitet unser Geist nicht weniger, sondern freier: Gedanken lösen sich und verbinden sich neu. Einsichten entstehen oft genau dann, wenn wir sie nicht erzwingen. Muße ist damit kein Rückzug aus dem Denken, sondern ein Raum, in dem Denken Tiefe gewinnt und Handlungen aus innerer Gelassenheit entstehen.
Historie des Müßiggangs: Raum für Kreativität und persönliche Entwicklung
Historisch betrachtet knüpft dieses Verständnis an eine lange Tradition an. Der Begriff geht auf das lateinische otium zurück und bezeichnet eine Zeitqualität, die dem Denken, Lesen, dem Gespräch und der inneren Entwicklung vorbehalten war – im klaren Gegensatz zum negotium, dem Geschäftigen und Verpflichtenden. Aristoteles sah in der Muße die Voraussetzung für ein gelingendes Leben, Seneca verstand sie als Ausdruck innerer Freiheit. Auch Hannah Arendt hebt die Bedeutung zweckfreien Denkens hervor, wenn sie es vom bloßen Arbeiten und Herstellen unterscheidet.
Viele schöpferische Impulse in der Kunst sind aus solchen Zeiten entstanden: aus Spaziergängen, aus dem Verweilen, aus dem Müßiggang. Muße bezeichnete eine innere Offenheit, in der Denken nicht geführt, sondern zugelassen wird und darin seine besondere Kraft entfaltet.
Was bewirken Momente der Muße in unserem Gehirn?
Phasen der Muße erzeugen nicht einfach „Leerlauf“ in unserem Gehirn, sondern initiieren einen ganz eigenen Modus. In der Forschung wird dieser Zustand als Default Mode Network (DMN) bezeichnet. Es handelt sich um ein Netzwerk von Regionen, das besonders aktiv ist, wenn wir nicht zielgerichtet arbeiten, sondern Erinnerungen durchgehen, tagträumen, über uns selbst nachdenken, wahrnehmen, was gerade ist oder uns einfach nur entspannt Zeit geben, bei dem, was wir tun.
Kreative Verknüpfungen im Gehirn
Das Default-Mode-Network unterscheidet sich klar von der Gehirnaktivität, die wir benötigen, um konzentriert einer Aufgabe zu folgen oder ein Problem zu lösen. Dann sind eher andere Netzwerke aktiv, der Fokus liegt auf der äußeren Welt und auf Anforderungen. Im DMN hingegen wirken mehrere Prozesse gleichzeitig: Erlebtes wird im Hintergrund reflektiert, Emotionen und Erfahrungen verknüpft und innere Szenarien durchgespielt. In der Forschung wird vermutet, dass genau in solchen Phasen Gedächtnisprozesse, Assoziationsbildung und kreative Verknüpfungen begünstigt werden, weil das Gehirn nicht permanent neuen Input verarbeiten muss, sondern die eigene innere Welt „durchleuchtet“.
Muße als biologisch verankerter Zustand
Ulrich Schnabel bezieht sich in seinem Buch auf diese Erkenntnisse, um zu zeigen, dass Muße kein Stillstand ist, sondern ein biologisch verankerter Zustand, in dem das Gehirn auf eine andere Weise aktiv ist als im zielgerichteten Tun.
Dies bedeutet allerdings nicht, dass wir automatisch kreativ oder einsichtsreich werden, sobald wir uns ausruhen. Vor allem sollten wir diesen Anspruch nicht haben, denn dies wäre widersprüchlich zu der Idee von Muße. Allerdings sind die Bedingungen für solche Prozesse in mental ungerichteten Phasen deutlicher mehr gegeben als im strikten Aufgabenmodus.
Mußezeiten – essentiell für gesunde und wirksame Selbstführung
Wenn wir dauerhaft im Funktionsmodus bleiben und den absichtslosen Zeiten der Muße keinen Raum geben, verlieren wir den Kontakt zu unseren eigenen Bedürfnissen und Werten. Unsere innere Orientierung wird schwerer spürbar, der mentale Raum für Möglichkeiten und Lösungen verengt sich. Entscheidungen laufen oft reaktiv ab, und wir nehmen unsere Selbstwirksamkeit kaum noch wahr – obwohl wir äußerlich viel leisten.
Ausstieg aus dem Hamsterrad
Mußezeiten schaffen dagegen Momente der Unterbrechung, in denen wir aus dem Hamsterrad aussteigen und wieder innere Ruhe und Genuss erfahren können. Wir treten einen Schritt zurück von Terminen, Aufgaben, Pflichten und Erwartungen und gönnen uns eine Art „mentale Luft“. Dieser Abstand ermöglicht es uns, unser Tempo, unsere Prioritäten und unsere innere Orientierung neu zu justieren. Ein bewusster Ausstieg, der Klarheit, Handlungsspielraum und frische Perspektiven zurückbringt – und uns gleichzeitig zufriedener werden lässt.
Selbstführung lebt von Muße
Für deine gesunde und wirksame Selbstführung ist Muße somit kein Luxus, sondern eine essenzielle Voraussetzung. In diesen Momenten kannst du eher sein statt tun, und dich öffnen für das, was kommt. Du merkst, dass du handeln kannst, ohne getrieben zu sein, dass du Gestaltungsspielraum hast und dass dein Handeln auf innerer Klarheit basiert. Muße ist nicht das Gegenteil von Produktivität – sie ist der Nährboden, auf dem wir bewusst, wirksam und nachhaltig agieren können.
Praxistipps für mehr Muße im Alltag
Wenn dich diese Gedanken zur Muße ansprechen und du mehr davon in deinen Alltag integrieren möchtest, habe ich einige Anregungen für dich. Vor allem eines ist dabei aus meiner Sicht wichtig: Entscheidend ist weniger die Dauer oder die Form von Mußezeiten, als die Haltung, mit der du sie dir gönnst.
Und nun - fünf Ansätze, wie du mehr Muße in deinen Alltag bringst:
1. Tipp
Mache dir immer wieder bewusst, dass Muße kein Luxus ist:
Sie ist wesentlich für deine Gesundheit, deine Lebenszufriedenheit, deine Kreativität und deine Selbstwirksamkeit. Du kannst dir dazu ein Motto aufschreiben oder ein Bild finden und sichtbar platzieren, so dass es dich auch im Alltag daran erinnert.
2. Tipp
Lasse dich täglich auf einen Moment der Absichtslosigkeit ein:
Entscheide dich aktiv für eine Zeit ohne Ziel, ohne Aufgaben oder Pflichten - so schwer es dir vielleicht am Anfang auch fällt. Wenn du beispielsweise in der Bahn sitzt, schau aus dem Fenster und lass die Landschaft vorbeiziehen, statt aufs Handy zu schauen, einen Podcast zu hören oder zu lesen.
3. Tipp
Nimm wahr, wie sich Muße für dich anfühlt
Wo und wie spürst du Muße? Ist es eine Weite im Kopf, eine Weichheit in deinen Muskeln, ein unfokussierter Blick auf einen Punkt in der Ferne oder leichte Freude? Achte auf die Unterschiede in deinem Körper, deinen Emotionen und deinen Gedanken, wenn du einfach nur bist oder etwas mit Muße tust.
4. Tipp
Nimm deine kleinen Fortschritte wahr und lobe dich dafür:
Wenn du normalerweise eher geschäftig und zielorientiert bist und dir Mußezeiten schwerfallen, klopfe dir jedes Mal auf die Schulter, wenn du sie dir gönnst und dich darauf einlässt. Diese kleinen Schritte sind bereits eine erfolgreiche Veränderung.
5. Tipp
Schaffe kleine Rituale für Mußezeiten
Das kann eine Tasse Tee in der Mittagspause sein, ein paar Minuten der Stille am Morgen oder ein unverplanter Abend in der Woche. Rituale helfen dir, die bewusste Entscheidung für Muße im Alltag leichter zu treffen und zu verankern.
Natur als Raum für absichtsloses Dasein
Muße lässt sich in der Natur oft leichter erfahren, weil sie dir hilft, aus dem Funktionsmodus auszusteigen. Sie lädt dich ein, langsamer zu werden und deine Aufmerksamkeit ungerichtet schweifen zu lassen. Dafür brauchst du weder lange Auszeiten noch besondere Orte. Schon einfache, niedrigschwellige Erfahrungen können dir helfen, den inneren Schalter umzulegen: ein kurzer Gang ins Grüne ohne Ziel, das bewusste Stehenbleiben und Schauen oder das Sitzen auf einer Bank, ohne etwas „daraus zu machen“.
Achtsame Wahrnehmung in der Natur
Hilfreich ist es, die Natur nicht zu nutzen, sondern ihr zu begegnen. Nicht die Strecke zählt, nicht die Schritte, nicht der Trainingseffekt. Vielleicht bleibst du an einem Ort stehen, der dich anspricht, und verweilst dort einige Minuten. Du nimmst wahr, was du siehst, hörst, riechst, spürst – ohne es einzuordnen oder zu bewerten.
In der Natur einfach sein dürfen
Muße in der Natur entsteht oft genau dann, wenn wir aufhören, etwas von ihr zu wollen. Wenn wir nicht spazieren gehen, um abzuschalten, nicht draußen sind, um uns zu regulieren oder produktiver zu werden. Sondern einfach da sind. In diesem absichtslosen Dasein entsteht häufig ganz von selbst das, was wir im Alltag so oft vermissen: Weite, innere Ruhe und das Gefühl, wieder bei uns anzukommen.

Passend zu diesem letzten Gedanken möchte ich mich heute mit diesem Zitat von Nietzsche von dir verabschieden:
Wir sind so gern in der freien Natur, weil diese keine Meinung über uns hat.“
Friedrich Nietzsche
(Philosoph, 1844-1900)
Wenn du von deinen Erfahrungen zur Muße berichten möchtest oder einen anderen Beitrag zu diesem Text hast, hinterlasse gerne einen Kommentar.
Herzlichst,
deine Anja
